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bekki 19.04.2012 23:58

Taktischer Umgang mit städtischen Vertretern
 
Ich schreibe für eine eher ländliche Redaktion einer Tageszeitung mit gemischter Leserschaft. Ein Teil sind die typischen Alteingesessenen, die sich mit Vereinsehrungen repräsentiert sehen wollen, ein Teil die zugezogenen Akademiker, die sich vielleicht auch mal über eine experimentelleren Berichterstattung freuen, die sich nicht an den Jahreszeiten, oder was weiß ich denn, orientiert.

Da ich aus der sozialen Ecke komme, schreibe ich relativ viel über soziale Themen und Projekte. Nun wurde in Zusammenarbeit mit meiner Hochschule ein größeres "Inklusions"-Projekt angestoßen, für das die Stadt sogar im Voraus einen Preis erhielt. Berichte gab es, aber die waren klassisch gehalten, nach dem Motto: "Wer hat beim Empfang welche Rede gehalten?" Zumindest nicht so viel Information, wie ich mir das als Leserin wünschen würde. Ich wüsst gern was übers Projekt und übers Thema.
Habe nun ein Interview mit einem Prof angeleiert, der das Ganze mitentwickelt hat und möchte so konkret wie möglich von ihm wissen, wofür dieser Preis nun da ist. "Inklusion" ist halt nunmal nur eine Worthülse. Da ich ihn aber kenne und weiß, dass seine Fachbegriffe schwer zu knacken sind, wollte ich eine der betroffenen Personen in das Interview einbeziehen, die in das Projekt involviert sein werden. Oder zumindest vorab zu befragen. Der Gedanke ist eben, die Theorie mit konkreten Alltagsschilderungen zu verknüpfen.

So, nun habe ich die Stadt angeschrieben, um an diese Leute und mehr Informationen zu gelangen, und die stellt sich quer. Findet es doof, dass ich zuerst den Prof angefragt habe, ohne sie einzubeziehen, es habe doch bereits Berichte gegeben und es sei doch bislang weiter noch nix passiert. Kein Kontakt zu den Personen, nach denen ich gefragt habe.

Was würdet ihr an meiner Stelle tun? Einfach das Interview mit dem Akademiker ohne die Infos der Stadt führen, weil die unter der Pressefuchtel stehen und beleidigt tut? Nochmal drauf eingehen und das Anliegen erklären, der Leserschaft im einem Hintegrundbericht mehr liefern zu wollen? Inklusion ist immerhin ein aktuelles Thema und die Frage, wie man das ausgestaltet, m.E. durchaus interessant. Oder nicht? Bedauern darüber formulieren, dass das Interview nun ohne Mitgestaltung der städtischen Vertreter zu Stande kommt - und hoffentlich in Folge dessen keine falschen Informationen erhält (die die Stadt, wenn sie mitspielen würde, ausbügeln könnte)?

Um der Sache Willen wär es schon sinnvoll, möglichst viele Experten im Boot zu haben. Allerdings habe ich keine Lust mehr auf diese Spielchen.

Vielleicht geht es hier um Eitelkeiten, der Prof und der Sozialamtsleiter sind sich der Gerüchteküche zu Folge nicht ganz grün. In erster Linie geht es aber um die Haltung der Stadt, "ihre" Informationen kontrollieren zu wollen. Der Bürgermeister meinte in ner öffentlichen Sitzung mal, ich solle jetzt bitte mal kurz nicht mitschreiben. Das Portrait einer neuen "öffentlichen Person" musste ich um zwei Monate verschieben, bis die Pressestelle offiziell dazu aufrief, und eine Mitarbeiterin des Sozialamtes versuchte einmal, mir ein super Projekt der Stadt unterzujubeln, das sich nach ein, zwei Klicks im Internet als Luftblase entpuppte. Das kann doch irgendwie alles nicht sein. Oder reagiere ich aus Egogründen über?

Also jetzt sagt mal, wie interpretiert ihr die Situation und was würdet ihr tun?

Reporterin 20.04.2012 07:02

AW: Taktischer Umgang mit städtischen Vertretern
 
Da hast du zu viel gequatscht. Ein Journalist gibt immer nur so viele Informationen Preis, wie er muss - und lügt auch mal (Ich habe mit noch niemandem gesprochen).
Außerdem wird die Stadt nicht angeschrieben, sondern angerufen.
Es ist wahrscheinlich ein persönliches Interview. Das hältst du jetzt, schreibst es ab, machst daraus deinen Artikel und zu bestimmten wichtigen Punkten, die du dann rauspickst, rufst du noch mal die Stadt an und passt auf, dass du nicht die Person am Rohr hast, die dir geantwortet hat.
Sollte es aber nicht anders gehen, dann beziehst du dich auf das, was der Prof gesagt hat und fragst: "Und wie sehen Sie das".

Wenn alles nix nützt, sich ans Büro des Bürgermeisters wenden: "Mir ist die Meinung des Herrn Bürgermeisters Schlappi sooooo wichtig, dass ich unbedingt.....2 Hier werden sie dich vermutlich bitten, die Fragen per Mail zu schicken. Das machst du und bekommst schön geschriebene Antworten wieder. Die kannst du trotzdem als O-Ton "Zitate" nutzen: "Dazu sagte Herr Bürgermeister Schlappi: "........"

Und dass dir sowas nicht nochmal passiert. Das passiert einem Professional nicht. ;)

bekki 20.04.2012 10:25

AW: Taktischer Umgang mit städtischen Vertretern
 
Zitat:

Zitat von Reporterin (Beitrag 83802)
Und dass dir sowas nicht nochmal passiert. Das passiert einem Professional nicht. ;)

Ja, die Befürchtung hatte ich auch :)
Danke für die Einschätzung.


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