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Marzipantörtchen 15.01.2014 14:24

Selbsttest "Zahnspange", Magazin sagt ab, Journalist soll zahlen
 
Liebe Forengemeinde,

ein Bekannter von mir ist mit einer außergewöhnlichen Frage an mich heran getreten und ich kann ihm keine Antwort geben. Vielleicht weiß von euch jemand weiter?!?

In Kürze: Der Kollege hat sich auf einen fragwürdigen Deal eingelassen. Ein Zahnarzt hat die Zahnfelstellung des Kollegens korrigiert, im Gegenzug sollte dieser einen Artikel über den Zahnarzt in dem Magazin unterbringen, bei dem er zu dieser Zeit volontiert hat. Nachdem der Chefredakteur seine mündliche Zustimmung gegeben hat, hat der Kollege die Behandlung begonnen. Während der Behandlung hat der Kollege sein Volo beendet und wollte aus freien Stücken nicht bei diesem Magazin bleiben. Nach der Bahandlung hat der Chefredakteur das Thema plötzlich gestrichen.

Der Zahnarzt war zuerst kooperativ, meinte, dass der Kollege den Artikel in einem anderen Magazin unterbringen kann. Der Kollege hat jedoch einige Monate gebraucht, bis er nun eine Zusage von einem Magazin bekommen hat. In der Zwischenzeit kamen Rechnung und Mahnungen vom Zahnarzt, der nun keine Lust mehr hat, auf die "Kooperation" und will, dass der Kollege bezahlt. Dieser hätte die Behandlung ohne Zusage des ursprünglichen Magazins jedoch gar nicht begonnen und hat das Geld (über 3.000 Euro) nicht.

Wie kann er nun vorgehen? Rechtlich hat er vermutlich gar nichts in der Hand - oder?!? Alles waren mündliche Absprachen ohne Zeugen und generell ist das Ganze wahrscheinlich auch nicht so rechtens oder?? :confused:

Grüße,
Marzipantörtchen

Reporterin 16.01.2014 14:11

AW: Selbsttest "Zahnspange", Magazin sagt ab, Journalist soll zahlen
 
Der sollte die Rechnung schnellstens bezahlen, damit er nicht im schlimmsten Fall noch in den Knast geht. Wenn er ein echter Journalist ist - also für Zeitungen / Zeitschriften arbeitet - darf er für Informationen nichts geben, in diesem Falle auch dafür, dass er irgendwas veröffentlicht, nichts nehmen (Zahnbehandlung).

Erst einmal muss geklärt werden, ob es einen schriftlichen Vertrag zwischen Zahnarzt und Patient (Journalist) über die Behandlung gibt und ob dort drin steht, wie teuer die Behandlung wäre. Wie sieht das aus?

Dann muss Patient zahlen, oder kommt wegen Betruges, Unterschlagung etc. je nachdem, dran. Folge gerichtliches Mahnverfahren, wenn Zahlung, dann erledigt, wenn keine Zahlung, muss Patient zu dem Mahnverfahren schriftlich Stellung nehmen, dann kommt es vor Gericht und endet meist mit einem Vergleich. Also einem niedrigeren Rechnungsbetrag und jede Seite zahlt ihren Anwalt selbst, die Gerichtskosten werden geteilt. Kann der Patient nicht zahlen, kommt es zur Pfändung und Schufa-Eintrag.

Aber auch wenn kein schriftlicher Vertrag besteht, ist ein Vertrag zustande gekommen. Hier ist jedoch zu beweisen, dass dem Journalisten die Höhe der Rechnung klar war. Dennoch, das gleiche Procedere wie im ersten Fall.

Journalistisch: In diesem umfangreichen Rahmen hat er sich strafbar gemacht, da eine Geschenkannahme durch den Pressekodex verboten ist. Der Pressekodex hat keine rechtlich bindende Wirkung, aber auf seiner Grundlage passiert einiges vor Gericht.

Im besten Fall für deinen "Bekannten", bestreitet der Zahnarzt, dass es je zu einer Absprache gekommen ist - und Procedere wie oben.

Wenn der Zahnarzt aber einen gewieften Anwalt findet, dann plädieren die auf Nötigung oder Erpressung oder was weiß ich (Ich Journalist schreibe einen Artikel für dich Zahnarzt. Wenn du mir die Behandlung umsonst gibtst, dann wird der Artikel positiv, wenn ich sie nicht umsonst bekomme, dann wird der Artikel wohl leider nicht so gut ausfallen). Weit hergeholt, aber möglich.

Was dein "Bekannter" da gemacht hat, war im höchsten Maße unethisch, unseriös und unmöglich. Schadet ihm gar nichts. Sowas sollte sich auf jeden Fall nicht Journalist nennen. Ungeheuerlich - und genau dieses Verhalten fällt auf uns anständige Journalisten zurück und wir werden alle in einen Topf gestopft....... :-x

Was ich hier schreibe, ist ausschließlich meine Meinung. Rechtsberatung mache ich nicht, kann ich auch nicht.

punky 16.01.2014 18:43

AW: Selbsttest "Zahnspange", Magazin sagt ab, Journalist soll zahlen
 
Nun gut, eine Zahnbehandlung im Wert von 3000 Euro ist sicherlich kein Pappenstil, aber ich frage mich schon, wie die Recherche für einen offensichtlich in Ich-Form geplanten Text deiner Meinung nach sonst hätte ablaufen können.
Klar, vielleicht hätte der Betreffende einfach einen anderen Menschen portraitieren sollen, der die Behandlung gerade machen lässt. Damit wäre er aus der Nummer raus gewesen.
Dass Journalisten etwas "bekommen" dafür, dass sie darüber berichten ist ja nicht nun nicht unüblich, seien es Pressereisen, Autoprobefahrten oder auch nur der Eintritt zur örtlichen Theaterverstaltung. Da ist es manchmal schwierig, eine Grenze zwischen seriösen und unseriösen Arbeitsmethoden zu ziehen.

Reporterin 16.01.2014 18:56

AW: Selbsttest "Zahnspange", Magazin sagt ab, Journalist soll zahlen
 
Da steht nichts darüber, dass er über genau so eine Behandlung schreiben wollte. Da steht nur, dass er einen Artikel über den Zahnarzt schreiben wollte.

Genau: Er läßt seine Zähne von einem Zahnarzt machen, zum Portrait geht er zu einem anderen. Oder umgekehrt; er läßt seine Zähne woanders machen und portraitiert seinen Zahnarzt.

Man muss überlegen, was da gemacht worden ist. Eine Brücke, zwei Zähne, Vollgold, einschließlich Vollverblendung, kostet 2.000 Euronen. Wurde da ein völlig neues Gebiss kreiert?

Was die Zuwendungen angeht, hat Journalist in seinem Artikel auf diese hinzuweisen. Beispielsweise "sind wir auf der, von der Firma Z ausgerichteten Pressefahrt in Xy Stadt, auch in den Produktionsräumen der Firma Z gewesen...... ". Ließ mal den Pressekodex, hier kannst du ihn downloaden: http://www.presserat.info/inhalt/der...nfuehrung.html

punky 17.01.2014 09:31

AW: Selbsttest "Zahnspange", Magazin sagt ab, Journalist soll zahlen
 
Du hast Recht. Der Gedanke, dass man so einen Deal jenseits eines Selbstversuchs machen könnte, kam mir gar nicht.

Marzipantörtchen 21.01.2014 17:47

AW: Selbsttest "Zahnspange", Magazin sagt ab, Journalist soll zahlen
 
Es sollte ein Erfahrungsbericht/ Selbsttest werden (siehe Titel des Posts)... Aber eigentlich auch egal. Ich persönlich finde es so oder so nicht in Ordnung und habe das dem Kollegen auch gesagt. Ich bin aber auch sehr pingelig - geh auch nicht mit dem Presseausweis in den Zoo o.ä. ... Ich denke, ihm war es auch eine Lehre.

Vom Zahnarzt finde ich es aber ebenso daneben. Erst so etwas anbieten und dann die Kohle verlangen ist einfach unfair. Dem Zahnarzt war bewusst, dass der Kollege die Behandlung ohne den Deal nicht begonnen hätte, weil er als Volo gar nicht die finanziellen Mittel dafür hatte.

Inzwischen stellt sich der Zahnarzt tot, reagiert nicht auf Emails und Anrufe, hat stattdessen die nächste Mahnung mit hohen Zinsen geschickt. Ich bin gespannt, wie das Ganze ausgeht!

Reporterin 22.01.2014 09:43

AW: Selbsttest "Zahnspange", Magazin sagt ab, Journalist soll zahlen
 
Marzipantörtchen, es war auch nur ein Gemäcker über den Sachverhalt an sich - nicht über diesen speziellen Journalisten. Denn den kennen wir ja gar nicht. Aber sowas kommt immer wieder vor. Erinnere dich nur an den Spiegel (?) "Reporter" (dem gönne ich die Bezeichnung "Journalist" auch nicht), der wegen einer Reportage ausgezeichnet wurde und den Preis zurückgeben musste, weil er das Gespräch am Telefon geführt hatte. Die sind sich alle keiner Verfehlungen bewußt. Und ja, durchaus möglich, dass der Zahnarzt sogar von vornherein das ins Kalkül gezogen hat um einen großen Auftrag zu ergattern.

tooobii 22.01.2014 12:06

AW: Selbsttest "Zahnspange", Magazin sagt ab, Journalist soll zahlen
 
Zitat:

Zitat von Reporterin (Beitrag 87539)
Erinnere dich nur an den Spiegel (?) "Reporter" (dem gönne ich die Bezeichnung "Journalist" auch nicht), der wegen einer Reportage ausgezeichnet wurde und den Preis zurückgeben musste, weil er das Gespräch am Telefon geführt hatte.

Pfister und Seehofers Eisenbahn?
http://www.zeit.de/gesellschaft/zeit...-preis-pfister

Reporterin 23.01.2014 12:11

AW: Selbsttest "Zahnspange", Magazin sagt ab, Journalist soll zahlen
 
Ja, das meinte ich. Sowas geht gar nicht. Ich muss zumindest ansatzweise die Unterschiede der einzelnen Artikelarten kennen und was Voraussetzung für deren Benennung ist.

punky 24.01.2014 15:45

AW: Selbsttest "Zahnspange", Magazin sagt ab, Journalist soll zahlen
 
Wobei ich mich in dem Fall über den Preis ansich gewundet habe. Ich finde den Einstieg nicht gut geschrieben, dafür, dass die Jury offensichtlich davon ausgegangen ist, dass er wirklich vor Ort war.

Reporterin 25.01.2014 01:40

AW: Selbsttest "Zahnspange", Magazin sagt ab, Journalist soll zahlen
 
Die Preisvergabe hat auch nichts mit der Qualität der Arbeiten zu tun. Ich habe in den ersten Jahren meiner Berufstätigkeit drei- oder viermal an solchen "Wettbewerben" teilgenommen. Bis ich mir mal genauer die Jurymitglieder ansah und deren Verbindungen zu sowohl den Gewinnern, als auch zu den Redaktionen, für die diese "Gewinner" gearbeitet haben. Ich habe da drei Kategorien von Preisvergaben ausgemacht:

1. Das meißte davon dürften Vitamin-B-Preisvergaben sein. Sei es, dass Jurymitglied(er) irgend einem Redaktionsangehörigen was schulden, sei es, das ein Medium irgendwann, irgendwo schlecht weggekommen ist und sein Image aufpolieren muss - eben sowas in der Art.
2. Dann gibt es - wie soll ich es nennen - Redaktionen, Pressebüros etc. die aus der Anonymität herausgehoben werden sollen, um sie bekannter zu machen - was aber oft nur kurzfristig gelingt, weil deren Arbeit keine so hohe Qualität aufweist, um bekannt zu sein.
3. Und dann gibt es die Unmenge Journalistenpreise, die nur einer Branche, einen besseren Ruf einbringen sollen. Dort gewinnen in der Regel Journalisten mit Beiträgen, die diesen Branchen eine Plattform zur Selbstdarstellung geben, ohne auch nur ein Fünkchen Objektivität aufzuweisen.

Ich denke, bei dem Preis oben, wußten die alle, was Sache war, haben es aber stillschweigend hingenommen - weil sie nicht damit rechneten, dass dieser Typ so naiv sein, darüber zu reden. Nur als er es tat, konnten sie nicht zurück und mußten ihm den Preis wieder abnehmen. Man liest ja auch in dem Artikel, wie viele durchaus bekannte Journaisten, ihm den Preis lassen wollten. Ein Unding. Journalisten, die das schon Jahrzehnte machen und genau wissen, wie solch eine Arbeit durchzuführen ist, finden das nicht schlimm.


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