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Alt 07.04.2011, 01:26   #10
Iris68
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Standard AW: Berichterstattung aus Krisenregionen

@ikarus: Du solltest Dir tatsächlich nicht allzu viel Hoffnung machen, ob du später in einem Krisengebiet arbeitest oder nicht. Fang einfach damit an.

Ich war 22 Jahre alter Volontär bei einer Tageszeitung, als mir der Redaktionsleiter sagte, dass ich in 2 Stunden in der örtlichen Pionier-Kaserne sein soll.

Von dort ging dann der Hubschrauber ins damalige Erdbebengebiet bei Udine in Italien.

Ausgewählt wurde ich deshalb, weil ich gerade keinen anderen Termin hatte und meistens ganz gute Geschichten zurückbrachte.

Mein Auftrag war eine Reportage mit Fotos über den Hilfseinsatz der Bundeswehr-Pioniere im Erdbebengebiet.

Die Arbeit da unten unterschied sich aber kaum von meinen Reporter-Einsätzen zum Beispiel bei den Bomben-Anschlägen in München auf Radio Free Europe oder auf dem Münchner Oktoberfest.

Vor allem in Hamburg lernte ich dann einige Reporter kennen, die auch in Krisengebieten arbeiteten...

Mein stellvertretender Chefredakteur war zum Beispiel Reporter in Vietnam. Über ihn lernte ich auch den früheren Afrika-Korrespondenten des Spiegel, Erich Wiedemann, kennen.

Oder ich traf den damaligen Top-Reporter Franz-Josef Wagner und den BamS-Chefreporter Michael Jeannée, die damals auch aus Krisengebieten berichteten und meine ganz großen Vorbilder waren.

Alle machten mir den Eindruck, dass sie von ihrem Reporter-Beruf im positiven Sinn besessen waren. Alle hatten schon früh im Leben mit dem Reportern angefangen, dafür allerdings auf Studien wie Germanistik oder Kommunikationswissenschaften verzichtet.

Und keiner machte einen Unterschied, ob eine gute Geschichte in einem Krisengebiet passiert oder irgendwo im Bayerischen Wald. Auch die sehr wenigen Zeitungen, die solche Top-Reporter beschäftigen, unterscheiden nicht zwischen Krisen-Reporter und Nicht-Krisen-Reporter.

Die unterscheiden zwischen guten und schlechten Reportern, aber nicht zwischen Krisen-Reportern und Nicht-Krisen-Reportern.

Mir fiel auf, was die Bild am Sonntag über den Text-Reporter schrieb, der kürzlich aus dem Iran-Gefängnis freikam. Er sei eine Art von Reporter, von der es nur mehr wenige gebe. Einer, der sehr gründlich und hartnäckig recherchiere.

Und ich glaube, da ist der Punkt, wo Du einhaken kannst: Werde ein Reporter, der sehr hartnäckig recherchiert.

Der Einsatz eines Reporters im Ausland ist für einen Verlag sehr teuer. Deshalb werden bevorzugt solche Reporter ins Ausland geschickt, die den Ruf haben, dass sie immer eine gute Geschichte liefern. Und dass sie auch unter schwierigen Umständen eine gute Geschichte liefern.

Gefragt sind also sehr zuverlässige Rechercheure. Und da kannst Du ansetzen. Es macht arbeitsmäßig keinen großen Unterschied, ob du über die Lecks eines Atomkraftwerks in Japan recherchierst oder über die Grundwasserverschmutzung durch eine Hühnerzucht-Fabrik in Deutschland.

Und die Schwierigkeiten, an das Zentrum eines Bombenattentats in Afghanistan heranzukommen, sind wahrscheinlich ähnlich, wie die Schwierigkeiten, an das Zentrum eines Autobahnunfalls in Deutschland heranzukommen.

Erarbeite Dir den Ruf, dass Du auch bei großem Widerstand, übereifrigen Polizisten, Dauerregen oder Schneegestöber nicht aufgibst, sondern an eine gute Geschichte kommst.

Ende diesen Monats berichte ich wieder von der Jahreshauptversammlung von Berkshire Hathaway in Omaha. Von der Arbeit her ist das nichts Besonderes. Was ich da machen muss, habe ich schon als Zeitungs-Volontär bei der Jahreshauptversammlung der örtlichen Raiffeisenkasse gemacht.

Wie damals muss ich viele Stunden hochkonzentriert sein und darauf achten, dass ich die wichtigsten Aussagen mitbekomme. Ich muss alle Informationen so ordnen, dass ich sie beim Schreiben sofort wiederfinde. Schon während der Veranstaltung gliedere ich im Kopf meine spätere Geschichte.

Über die Jahreshauptversammlung in Omaha berichte ich nicht, weil das im Ausland ist, sondern weil ich weiß, wie die Veranstaltung abläuft, wie ich in die unterschiedlichen Pressekonferenzen reinkomme und weil ich schon seit vielen Jahren über Warren Buffett (im Wechsel mit Bill Gates immer zweitreichster oder drittreichster Mensch der Welt) berichte.

Wichtig bei so einem Job ist auch, dass man nicht lange überlegt, wie man etwas macht, sondern dass man es einfach macht. Ich glaube, das lernt man nicht an der Uni, sondern nur im täglichen Reporterleben. Es spielt dabei kaum eine Rolle, ob die Geschichten in Krisengebieten oder im Nachbardorf.

Mein Tipp ist also, dass Du Dich in erster Linie nicht auf Berichterstattung aus Krisengebieten festlegst. Sondern erst darauf, dass Du ein sehr guter, sehr hartnäckig recherchierender Reporter wirst... der auch noch schnell und gut schreibt.

Konkret würde ich das an Deiner Stelle so machen: Gehe so gegen zwei, drei Uhr in die nächste Redaktion der BILD-Zeitung und frage, ob Du den Redaktionsleiter sprechen kannst. Oder den stellvertretenden Redaktionsleiter. Oder den Lokalchef. Oder den Redakteur für die Bundesausgabe. Bitte sie, dass Sie Dich anrufen, wenn Sie für die nächste Geschichte einen zusätzlichen Rechercheur brauchen.

Wenn das nächste Mal in Deiner Umgebung etwas passiert und keiner ruft Dich an, dann ruf Du an oder gehe gleich in die Redaktion und biete Deine Arbeit an.

Oder tauche einfach mal am Samstagmorgen in der Redaktion auf und frage, ob Du als Rechercheur beim für die meisten BILD-Redakteure lästigen BamS-Dienst mitarbeiten kannst.

Ein sehr gutes Vorbild könnte für Dich der 31-jährige BILD-Chefreporter Julian Reichelt sein...
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