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Alt 03.03.2011, 03:19   #4
Freak
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Standard AW: Freier: Ist es wirklich so schlimm bei euch?

Hallo Texte-Büro!

Deine Frage ist interessant: Möchte nämlich selbst gerne wissen, wie es die anderen Freelancer so handhaben und natürlich auch, was Dein „Erfolgsrezept“ ist.

Bei mir, ebenfalls Quereinsteigerin, war es anfangs nicht leicht. Durch Zufall bin ich immer wieder beim Journalismus gelandet und dachte mir schließlich (so nach circa zehn Jahren), das Ganze richtig aufzuziehen. Dann musste ich feststellen, dass es doch nicht so einfach ist: viel dazulernen, arbeiten um arbeiten zu können, Büro und Equipment finanzieren. Was Letzteres angeht, bin ich immer noch dabei. Weil ständig was kaputt geht, bleiben Neuanschaffungen aus. Gerade ärgere ich mich darüber, dass mein Laptop nicht so schnell ist wie ich und öfters mal ein Buchstabe oder ein Leerzeichen fehlen. Muss in Word tippen, damit mein veraltetes Programm eventuell anzeigt wann was fehl. Außerdem steht das Katzenklo jetzt direkt vor dem Second Hand-Schlepptop, damit ich das bereits verschmort riechende Netzteil, das neulich provisorisch zusammengeschweißt wurde, im Ernstfall schnell löschen kann.

Was die Aufträge anbelangt, hast Du mich gerade auf falschem Fuß erwischt: Bin so was von abgenervt! Es gab Zeiten, da war ich echt happy, obwohl ein acht Stunden-Tag nie drin war. Nach 14 Stunden denk ich immer: „Hey, heut hast Du aber nichts gemacht.“ Und „Wochenende“, was ist das?

Die Jobs, die nichts mit Journalismus zu tun haben und schnell von der Hand gehen, kenne ich ebenfalls. Drei Cent wären mir wirklich zu arg, aber für cirka sechs Cent für fast nichts tun bin ich wirklich dankbar. Oftmals bringen diese Nebenjobs mehr als journalistische Aufträge. Und vor allem mehr als Babysitten, Regale einräumen oder Fehlböden aus Bruchbuden entfernen. Schließlich sitze ich in meinem schlecht beheizten Büro im Ghetto, darf ausschlafen, habe keine Kinder, Hunde, nervtötende Kollegen oder Chefs um mich, werde nicht blöd angemacht und kann essen und Kaffee trinken wann ich will, meistens zumindest. Aber das Entscheidende ist: Ich weiß, dass der ganze Stress nur für mich ist und nicht für Firma XY die mir am A**** vorbeigeht. Nicht, dass mich die mit den (fast) lukrativen Nebenjobs mehr tangieren, aber ich sehe sie halt als Mittel zum Zweck.
Oftmals und in letzter Zeit verstärkt durch die Mitarbeit bei zwei größeren Magazinen, musste ich leider feststellen: Je bekannter das Magazin, desto höher die Ansprüche und desto schlechter die Bezahlung. Inzwischen habe ich bei den Beiden die Mitarbeit gekündigt und in finanzieller Hinsicht bereue ich es im Nachhinein da mitgemacht zu haben. Schön, jetzt steht wieder mal mein „Noname“ in zwei „ganz wichtigen“ Print-Exemplaren, dafür hatte ich aber keine Feiertage, war fast drei Wochen am Stück wach und weiß noch nicht, wie ich meine Steuererklärung zahlen und was ich im März essen soll. Das wäre nicht passiert, hätte ich mich nur an die anspruchslosen Nebenjobs gehalten. Aber dabei kann man ja verblöden …

Eine Festanstellung möchte ich auf keinen Fall, das wäre nur noch schlimmer als jetzt: Da müsste ich die "Stressfaktoren" täglich auch noch life ertragen und mich mit ihnen auseinander setzen.


Daher bemühe ich mich noch um Aufträge bis ich meine eigenen Projekte endlich mal erfolgreich durchbringen kann. Hätte ich natürlich längst, vor Jahren (!), wäre ich ein Töchterchen reicher Eltern, die mir wohlgesinnt wenigstens eine Ausbildung finanziert hätten.
Aber denkt immer daran: Wir haben es gut. In der Nähe der Elfenbeinküste geboren, zur Kakaoernte gezwungen und spätestens mit Ende 20 im Jenseits hätten wir nicht einmal gewusst, was ein Studium oder Journalismus sind.

Bin gespannt, wie es bei Euch so läuft und welche Pläne Ihr habt!

Geändert von Freak (03.03.2011 um 03:28 Uhr).
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