Einzelnen Beitrag anzeigen
Alt 03.03.2011, 21:33   #6
Schweinswal
Benutzer
Mitglied
 
Registriert seit: 12.11.2007
Beiträge: 52
Renommee-Modifikator: 13 Schweinswal wird positiv eingeschätzt
Standard AW: Freier: Ist es wirklich so schlimm bei euch?

@Texte-Büro
Klingt ja alles sehr paradiesisch, aber auch nebulös. Irgendwie geht es mir meist so, wenn ich solche Erfolgsgeschichten lese. Ich frage mich: wie machen die das nur?
Worin bestehen denn die 70-80 % journalistischen Arbeiten. Sind das Radio- oder Fernsehbeiträge oder streng genommen doch PR-Texte? Und wie kommen Sie an Ihre Auftraggeber?
Normalerweise läuft es ja wohl so, dass man, um einen Text an den Mann zu bringen, erstmal Dutzende von Redakteuren am Telefon belästigen muss und dabei bloß nicht über Geld reden. Am Ende hat man dann mal wieder einen Stundenlohn von zwei Euro. Und wenn man das lange genug praktiziert hat, bekommt man auch schon mal Aufträge, die dann - da die Akquise wegfällt - vielleicht sogar fünf Euro/h einbringen.
Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass ich nicht freiwillig "Freier" geworden bin. Dieses "bitte bitte, darf ich umsonst für euch arbeiten" liegt mir einfach nicht. Nun muss ich aber meine jugendliche Naivität ausbaden. Dachte ich doch, mit Studium, Journalistik-Aufbaustudium, fünf Praktika (Zeitungen, Online, Nachrichtenagenturen) und etlichen Jahren Berufserfahrung als "freier Mitarbeiter" (direkt vor Ort in der Redaktion) bei einer Zeitung würde ich sicher irgendwann ein Volontariat ergattern. Pustekuchen. Irgendwann ist man dann "zu alt" für ein Volo, aber natürlich auch für einen Branchenwechsel und dann macht man solange weiter, bis man nicht mehr kann.
Bei mir war es vor ca. zwei Jahren so weit. Ich stellte erste Verblödungserscheinungen bei mir fest. Z.B. merkte ich manchmal gar nicht mehr, wie bescheuert es ist, 100 Zeilen über eine Bürgerversammlung abzusülzen, bei der irgendwelche verbiesterten Rentner über die gewünschte Art der Verkehrsberuhigung in ihrer popeligen Straße debattieren - die so schmal ist, dass da ohnehin nur Profis schneller als 30 fahren können ...
Ich habe dann die Reißleine gezogen. Und jetzt arbeite ich deutlich unter Hartz-IV-Niveau, indem ich irgendwelche PR-Texte zusammenschreibe. Die Infos suche ich mir Internet zusammen. Den gleichen Job machten auch irgendwelche Studis ohne jegliche Qualifikationen, außer ein paar Probetexten. Zum Dank für meine tolle, zuverlässige Arbeit darf ich als einer von wenigen Freien weiter für einen Appel und ein Ei meine Texte zusammenpinnen. Wobei ich mich auch noch selbst ausbeute, da ich meine Qualitätsansprüche nicht weit genug herunterfahren kann, um einen halbwegs passablen Stundenlohn zu erreichen.
Ich habe endlos überlegt, ob es noch irgendwelche Alternativen für mich gibt. Doch da meine Ersparnisse so langsam weg sind, muss ich wohl doch bald zur Arge gehen und mich den üblichen Erniedrigungen aussetzen. "Journalismus" - für mich war es ein großes Missverständnis.
Schweinswal ist offline   Mit Zitat antworten