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Alt 25.03.2011, 18:16   #10
jango-jack
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Standard AW: Möchte gerne journalistisch tätig werden

Hier ist mal ein Leserbrief der in einer Printausgabe und in einem Onlineportal - hat es ohne mein zutun aus der Zeitung übernommen - veröffentlicht wurde. So oder ähnlich - von der Form her - sind auch meine anderen Texte verfasst. Was haltet ihr davon, jetzt unabhängig von der Position die ich zum Thema eingenommen habe, jede Kritik, auch vernichtende, ist erwünscht.

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Es ist Donnerstag, und es schlägt 11.30 Uhr. Ich fahre von Münster in Richtung Düsseldorf, und in Duisburg muß ich raus. Kurz bevor ich aussteige, kommt der Kontrolleur und meldet sich wie immer mit den kräftig gesprochenen Worten, “Guten Tag, einmal die Fahrscheine bitte.” Gleich der erste Fahrgast beschwert sich in einem unüberhörbaren Ton mit den Worten, “das, was ihr macht, ist ja wohl eine Frechheit, ich mußte eine Stunde warten, nur weil ihr streikt”.
Das ist vollkommen richtig, er mußte warten, weil gestreikt wird, aber ist das eine Frechheit? (…) Es gibt viele Gründe, warum einen das Zuspätkommen ärgert, schließlich wird man in unserer Gesellschaft getrieben vom Sekundenzeiger, der gnadenlos und ohne Rücksicht vorantickt. Also, warum leistet sich die GDL eine solche Frechheit, warum muß es auf die Kosten der Reisenden gehen?
Ich persönlich bin dankbar für den Streik, ich kam auch zu spät, aber dennoch bin ich vorrangig den Lokführern der Deutschen Bahn dankbar. Es ist nicht so, daß sie aus Spaß an der Freude streiken, es ist nicht so, daß sie unmittelbar einen Vorteil aus dem Streik ziehen, es ist so, daß sie sich für all die anderen Lokführer, die nicht bei der Deutschen Bahn arbeiten, einsetzen. Sie setzen sich dafür ein, daß alle unter den gleichen Mindeststandards arbeiten, egal ob bei der DB oder einer privaten Gesellschaft. Sie setzen sich dafür ein, daß ihre Mitmenschen den gleichen Lohn für gleiche Arbeit bekommen. Ist das verwerflich?
Überall wird sich beschwert, daß es in Deutschland kaum noch Zivilcourage gibt, aber genau das ist der Akt der Zivilcourage, ein Akt, an dem man sich mal ein Vorbild nehmen sollte. Statt dessen denkt nur noch jeder an sich, Hauptsache ich komme pünktlich, Hauptsache meine Arbeitsbedingungen sind gut, Hauptsache ich ich ich. Und genau aus diesem Grund haben wir in Deutschland Menschen, die teilweise für sittenwidrige Löhne arbeiten müssen, was kümmert’s schließlich mich, was der andere verdient, was der andere zu Weihnachten seinem Kind schenkt oder auch nicht schenken kann, oder ob er Aufstocker ist. Solange es mir gutgeht, ist das Universum in Ordnung, solange es mir und meiner Familie gutgeht, kann es so weitergehen, also warum nehmen sich die Lokführer diese Frechheit heraus und streiken dafür, daß andere anständig bezahlt werden? Nachher fangen auch noch die festangestellten Arbeitnehmer an, für die Rechte der Zeitarbeiter zu streiken, wo kommen wir denn da hin, in welchem Saustall leben wir denn.
Wenn ich ehrlich sein soll, dann muß ich sagen, ich schäme mich. Ja ich schäme mich vor den Lokführern für die, die sich beschweren, ich schäme mich vor den Menschen, die Charakter beweisen, vor den Aufrechten für die Gebeugten. Soll das Leitkultur sein? "

Geändert von jango-jack (25.03.2011 um 18:19 Uhr).
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