Einzelnen Beitrag anzeigen
Alt 26.01.2003, 16:36   #4
unbekannter User (Gast)
 
Beiträge: n/a
Standard RE: Kommentar: Krieg und (journalistische) Wahrhei

Hallo,
Ja die Bedingungen journalistischer Recherche sind bescheiden. Dies gilt insbesondere auch für Freie JournalistInnen, da Auftraggeber bekanntermaßen im Tageszeitungsbereich nach Zeile und nicht nach Recherchezeit bezahlen. Kommt erschwerend hinzu dass "Nahostthemen" in der Regel Prestigethemen sind, über die gestandene (Chef-)RedakteurInnen lieber selbst Kommentare und Berichte schreiben um sich damit zu profilieren, statt Beiträge von spezialisierten Freien oder in dieser Thematik kundigen aber in der Hierarchie weniger wichtigen RedakteurInnen zu überlassen.
Nein das ist kein Grund von vornherein zu resignieren.
Gelernt habe ich das nicht zu Letzt von palästinensischen und israelischen JournalistInnen die trotz miserabelster Bedingungen, Gefahr für Leib und Leben und kurz vor dem finanziellen Ruin ein gemeinsames alternatives Informationsbüro und eine eigene Zeitschrift aufrechterhalten und gegen die mainstream Wahrheiten ihrer jeweiligen kommerziellen Medien anstänkern. Wenn einheimische JournalistInnen in Kriegs- und Krisengebieten oder in der sogenannten Dritten Welt nicht aufgeben und resignieren, sondern trotz eigener Betroffenheit weiter nach anderen Wahrheiten suchen als den offiziellen und dafür Knast oder sogar ihr Leben riskieren, sollten wir aus dem relativ freien, reichen und friedlichen Europa nicht so schnell die Flinte ins Korn werfen - finde ich. Auch wenn reich natürlich relativ ist, auch wenn ich als freie immer wieder absolute finanzielle Pleitephasen habe - ich weiß ich werde hierzulande nicht erschossen für das was ich schreibe, komme in der Regel auch nicht dafür in den Knast und kurz vor dem Hungertod stehe ich auch nicht.
Je mehr JournalistInnen heute unbequeme Fragen stellen und kritische Themen vorschlagen all jenen Redaktionen für die sie ohnehin schon arbeiten, desto mehr wird sich diese Haltung auch durchsetzen und die Chance erhöhen, dass kritische Artikel auch abgedruckt werden. Hoffe und glaube ich. Und im Vergleich zum Golfkrieg vor 10 Jahren hat sich auch eine Menge getan, berichten auch regionale Zeitungen relativ vielseitig und tun nicht mehr jede hintergründige Recherche als "Verschwörungstheorie" oder mit den Worten "das ist uns zu heikel" ab.
Insofern stimme ich Jügen Wolff zu, dass wir es (relativ) einfach haben unbequeme Fragen zu stellen, sie per Mausklick oder wie auch immer zu recherchieren. Und wenn die Recherche nicht vorankommt ist es meiner Meinung nach schon wichtig im Beitrag kritische Fragen zu stellen, darauf hinzuweisen dass viele Informationen zum Irakkrieg aus offiziellen oder geheimdienstlichen Quellen stammen und deshalb mit Vorsicht zu genießen sind, der Leserschaft zu vermitteln, dass es viele "Wahrheiten" gibt und zum Nachdenken anzuregen.
Jutta
  Mit Zitat antworten