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Fragen und Antworten Fragen und Antworten zum Journalismus

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Alt 05.04.2011, 03:33   #1
ikarus
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Standard Berichterstattung aus Krisenregionen

Nabend allerseits, Kurz vorweg: Ich bin 18 Jahre alt, mache zur Zeit mein Abitur und möchte später als Journalist tätig sein (klingt wahrscheinlich gerade furchtbar naiv und undurchdacht, ist es aber nicht). Besonders interessiert mich dabei die Berichterstattung aus Krisengebieten, sei es nun eine Erdbebenregion oder ein Bürgerkrieg. Leider Gottes stoße ich in meinem Umfeld mit diesem Interesse auf wenig Verständnis oder Unterstützung, immer wieder werde ich gefragt, ob ich nicht einfach nur den "Adrenalin-Kick" suche oder "zu viele Ballerspiele gespielt habe". Auch der nette Herr von der "Berufsberatung" begegnete mir lediglich mit einem Schmunzeln und den Worten: "Überleg dir das doch lieber noch mal, Junge." Da ich es mittlerweile Leid bin, meine Interessen rechtfertigen zu müssen und im Internet nur wenig Erfolg bei der Suche nach Informationen hatte, wollte ich euch jetzt einfach mal fragen: Für wie realistisch haltet ihr den Plan, diese Interessen in einem journalistischem Beruf zu verwirklichen? Gibt es spezielle Ausbildungszweige für solche Berichterstattungen? Wie sind die Aussichten auf Jobangebote? Natürlich würde ich mich auch über Erfahrungsberichte freuen. Vielen Dank schon mal im Voraus! Gruß ikarus
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Alt 05.04.2011, 17:51   #2
EinSchwabe
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Standard AW: Berichterstattung aus Krisenregionen

Ja, ich finde deine Vorstellung auch naiv, fast albern.
Korrespondentenstellen im Ausland sind schon äußerst schwer zu bekommen, aber du willst nur in Krisengebiete. Aha.
Vielleicht solltest du auch bedenken, dass die Journalisten, die zurzeit aus Japan berichten, dort nicht erst seit dem Erdbeben sind. Das wäre auch zielich albern, nach einer Katastrophe neue Leute einzusetzen.
Und nein, eine spezielle Ausbildung gibt es nicht.

(Dass so etwas interessant sein mag, verstehe ich schon. Hat sicher auch nichts mit Ballerspielen zu tun, aber man sollte trotzdem sich einen Realitätssinn bewahren).
EinSchwabe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 05.04.2011, 19:26   #3
Hessenreporter
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Standard AW: Berichterstattung aus Krisenregionen

Zitat:
Zitat von ikarus Beitrag anzeigen
Für wie realistisch haltet ihr den Plan, diese Interessen in einem journalistischem Beruf zu verwirklichen? Gibt es spezielle Ausbildungszweige für solche Berichterstattungen? Wie sind die Aussichten auf Jobangebote? Natürlich würde ich mich auch über Erfahrungsberichte freuen.
Da Du etwas sehr, sehr Exotisches machen möchtest, kannst Du auch keinen normalen Berufsweg einschlagen. Das sollte Dir klar sein. Es gibt keine Ausbildung zum "Krisenreporter". Du wirst die One-Man-Show sein müssen, wechselweise mit eigener Kamera oder hin und wieder mit einem gebuchten Kameramann vor Ort. Du musst filmen, schneiden, texten, sprechen können. Und Du musst absolut fit in Sachen "Technik" sein.

Google mal nach "Anderson Cooper" von CNN und wie er in die Branche eingestiegen ist. Dir sollte auch klar sein, daß Du bei den deutschen Medien anfangs keine Chance haben wirst, weil sie diesem Konzept kritisch gegenüber stehen. Aber es gibt ja noch viele andere Sender auf dieser Welt. Es ist daher hilfreich, wenn Du perfektes Englisch sprichst.
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Alt 05.04.2011, 19:28   #4
Hessenreporter
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Standard AW: Berichterstattung aus Krisenregionen

Zitat:
Zitat von EinSchwabe Beitrag anzeigen
Vielleicht solltest du auch bedenken, dass die Journalisten, die zurzeit aus Japan berichten, dort nicht erst seit dem Erdbeben sind.
Die Sesselpupser, die Material von NHK übernehmen, übersetzen und vertonen sind keine "Korrespondenten". Die kann man doch nicht ernst nehmen. Das könnte man problemlos auch von Deutschland im Rahmen des Programmaustauschs machen. Ein richtiger Korrespondent ist vor Ort.
Hessenreporter ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 05.04.2011, 21:06   #5
tooobii
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Standard AW: Berichterstattung aus Krisenregionen

Zitat:
Zitat von Hessenreporter Beitrag anzeigen
Die Sesselpupser, die Material von NHK übernehmen, übersetzen und vertonen sind keine "Korrespondenten". Die kann man doch nicht ernst nehmen. Das könnte man problemlos auch von Deutschland im Rahmen des Programmaustauschs machen. Ein richtiger Korrespondent ist vor Ort.
Du sprichst hier aber immer nur vom Fernsehen (auch in deinem vorangegangenen Beitrag). Wenn ich mir etwa die Süddeutsche Zeitung anschaue, dann wurden viele Geschichten während der Katastrophe in Japan tatsächlich von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben. Hinzu kam dann noch der Mann aus China. Klar, technische Hintergründe von AKWs lassen sich auch aus der Ferne erläutern. Aber der Aussage des Schwaben stimme ich so zu.
tooobii ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 05.04.2011, 21:13   #6
Hessenreporter
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Standard AW: Berichterstattung aus Krisenregionen

Zitat:
Zitat von tooobii Beitrag anzeigen
Du sprichst hier aber immer nur vom Fernsehen (auch in deinem vorangegangenen Beitrag). Wenn ich mir etwa die Süddeutsche Zeitung anschaue, dann wurden viele Geschichten während der Katastrophe in Japan tatsächlich von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben.
Das Fernsehen macht die News. Mittlerweile läuft auch einiges über das Internet, aber das Internet wird nie das bewegte Live-Bild aus einem über dem AKW in Fukushima schwebenden Hubschrauber ersetzen können. Als Zeitungskorrespondent zu arbeiten hat aus meiner persönlichen Sicht keine Zukunft.
Hessenreporter ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 06.04.2011, 01:12   #7
ikarus
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Standard AW: Berichterstattung aus Krisenregionen

Erstmal vielen Dank für die schnellen Antworten! Vielleicht habe ich mich etwas missverständlich ausgedrückt: Mein Plan ist es sicher nicht, ein Leben lang durch Krisenregionen zu ziehen und von dort zu berichten. Ich wollte vielmehr wissen, wie die Chancen stehen, dass das Ganze ein Teil der Berufslaufbahn wird. Und zur Ausbildung: Klar, eine grundlegende journalistische Ausbildung oder ein Studium ist für mich Voraussetzung, aber gibt es nicht etwa eine spezielle Ausbildung, die darüber hinaus geht? Also wenn ich das richtig verstanden habe, sollte ich mir nicht allzu viele Hoffnungen machen, weil 1) Zum Großteil Auslandskorrespondenten diese Art der Berichterstattung übernehmen und die Vorstellung, einen solchen Posten zu ergattern, utopisch ist. 2) Man nicht auf die Unterstützung von deutschen Medien zählen kann und die "One-Man-Show" einen enormen Arbeitsaufwand mit sich bringt. Soweit korrekt? Und zu meinem Realitätssinn: Den habe ich sicher nicht verloren. Es fällt mir einfach aufgrund mangelnder Erfahrung und Informationen nicht leicht, die Möglichkeiten und Chancen für mich "realistisch" einzuschätzen. Deswegen wende ich mich ja an euch

Geändert von ikarus (06.04.2011 um 01:19 Uhr).
ikarus ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 06.04.2011, 08:58   #8
tooobii
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Standard AW: Berichterstattung aus Krisenregionen

Hier mal ein Artikel zum Thema: http://www.tagesspiegel.de/medien/kr...s/1673970.html
tooobii ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 06.04.2011, 19:11   #9
Hessenreporter
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Standard AW: Berichterstattung aus Krisenregionen

Zitat:
Zitat von ikarus Beitrag anzeigen
Klar, eine grundlegende journalistische Ausbildung oder ein Studium ist für mich Voraussetzung, aber gibt es nicht etwa eine spezielle Ausbildung, die darüber hinaus geht?
Nein. Entweder ist man was Besonderes, oder man ist es nicht. Man kann es nicht erlernen. Du wirst niemals prominent werden, wenn Du nicht etwas Besonderes an Dir hast. Als Krisenreporter ist man die One-Man-Show. Und Du musst etwas bieten. Du musst mehr wagen. Wenn Du das nicht kannst, bleib' einfach weg.
Hessenreporter ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 07.04.2011, 01:26   #10
Iris68
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Standard AW: Berichterstattung aus Krisenregionen

@ikarus: Du solltest Dir tatsächlich nicht allzu viel Hoffnung machen, ob du später in einem Krisengebiet arbeitest oder nicht. Fang einfach damit an.

Ich war 22 Jahre alter Volontär bei einer Tageszeitung, als mir der Redaktionsleiter sagte, dass ich in 2 Stunden in der örtlichen Pionier-Kaserne sein soll.

Von dort ging dann der Hubschrauber ins damalige Erdbebengebiet bei Udine in Italien.

Ausgewählt wurde ich deshalb, weil ich gerade keinen anderen Termin hatte und meistens ganz gute Geschichten zurückbrachte.

Mein Auftrag war eine Reportage mit Fotos über den Hilfseinsatz der Bundeswehr-Pioniere im Erdbebengebiet.

Die Arbeit da unten unterschied sich aber kaum von meinen Reporter-Einsätzen zum Beispiel bei den Bomben-Anschlägen in München auf Radio Free Europe oder auf dem Münchner Oktoberfest.

Vor allem in Hamburg lernte ich dann einige Reporter kennen, die auch in Krisengebieten arbeiteten...

Mein stellvertretender Chefredakteur war zum Beispiel Reporter in Vietnam. Über ihn lernte ich auch den früheren Afrika-Korrespondenten des Spiegel, Erich Wiedemann, kennen.

Oder ich traf den damaligen Top-Reporter Franz-Josef Wagner und den BamS-Chefreporter Michael Jeannée, die damals auch aus Krisengebieten berichteten und meine ganz großen Vorbilder waren.

Alle machten mir den Eindruck, dass sie von ihrem Reporter-Beruf im positiven Sinn besessen waren. Alle hatten schon früh im Leben mit dem Reportern angefangen, dafür allerdings auf Studien wie Germanistik oder Kommunikationswissenschaften verzichtet.

Und keiner machte einen Unterschied, ob eine gute Geschichte in einem Krisengebiet passiert oder irgendwo im Bayerischen Wald. Auch die sehr wenigen Zeitungen, die solche Top-Reporter beschäftigen, unterscheiden nicht zwischen Krisen-Reporter und Nicht-Krisen-Reporter.

Die unterscheiden zwischen guten und schlechten Reportern, aber nicht zwischen Krisen-Reportern und Nicht-Krisen-Reportern.

Mir fiel auf, was die Bild am Sonntag über den Text-Reporter schrieb, der kürzlich aus dem Iran-Gefängnis freikam. Er sei eine Art von Reporter, von der es nur mehr wenige gebe. Einer, der sehr gründlich und hartnäckig recherchiere.

Und ich glaube, da ist der Punkt, wo Du einhaken kannst: Werde ein Reporter, der sehr hartnäckig recherchiert.

Der Einsatz eines Reporters im Ausland ist für einen Verlag sehr teuer. Deshalb werden bevorzugt solche Reporter ins Ausland geschickt, die den Ruf haben, dass sie immer eine gute Geschichte liefern. Und dass sie auch unter schwierigen Umständen eine gute Geschichte liefern.

Gefragt sind also sehr zuverlässige Rechercheure. Und da kannst Du ansetzen. Es macht arbeitsmäßig keinen großen Unterschied, ob du über die Lecks eines Atomkraftwerks in Japan recherchierst oder über die Grundwasserverschmutzung durch eine Hühnerzucht-Fabrik in Deutschland.

Und die Schwierigkeiten, an das Zentrum eines Bombenattentats in Afghanistan heranzukommen, sind wahrscheinlich ähnlich, wie die Schwierigkeiten, an das Zentrum eines Autobahnunfalls in Deutschland heranzukommen.

Erarbeite Dir den Ruf, dass Du auch bei großem Widerstand, übereifrigen Polizisten, Dauerregen oder Schneegestöber nicht aufgibst, sondern an eine gute Geschichte kommst.

Ende diesen Monats berichte ich wieder von der Jahreshauptversammlung von Berkshire Hathaway in Omaha. Von der Arbeit her ist das nichts Besonderes. Was ich da machen muss, habe ich schon als Zeitungs-Volontär bei der Jahreshauptversammlung der örtlichen Raiffeisenkasse gemacht.

Wie damals muss ich viele Stunden hochkonzentriert sein und darauf achten, dass ich die wichtigsten Aussagen mitbekomme. Ich muss alle Informationen so ordnen, dass ich sie beim Schreiben sofort wiederfinde. Schon während der Veranstaltung gliedere ich im Kopf meine spätere Geschichte.

Über die Jahreshauptversammlung in Omaha berichte ich nicht, weil das im Ausland ist, sondern weil ich weiß, wie die Veranstaltung abläuft, wie ich in die unterschiedlichen Pressekonferenzen reinkomme und weil ich schon seit vielen Jahren über Warren Buffett (im Wechsel mit Bill Gates immer zweitreichster oder drittreichster Mensch der Welt) berichte.

Wichtig bei so einem Job ist auch, dass man nicht lange überlegt, wie man etwas macht, sondern dass man es einfach macht. Ich glaube, das lernt man nicht an der Uni, sondern nur im täglichen Reporterleben. Es spielt dabei kaum eine Rolle, ob die Geschichten in Krisengebieten oder im Nachbardorf.

Mein Tipp ist also, dass Du Dich in erster Linie nicht auf Berichterstattung aus Krisengebieten festlegst. Sondern erst darauf, dass Du ein sehr guter, sehr hartnäckig recherchierender Reporter wirst... der auch noch schnell und gut schreibt.

Konkret würde ich das an Deiner Stelle so machen: Gehe so gegen zwei, drei Uhr in die nächste Redaktion der BILD-Zeitung und frage, ob Du den Redaktionsleiter sprechen kannst. Oder den stellvertretenden Redaktionsleiter. Oder den Lokalchef. Oder den Redakteur für die Bundesausgabe. Bitte sie, dass Sie Dich anrufen, wenn Sie für die nächste Geschichte einen zusätzlichen Rechercheur brauchen.

Wenn das nächste Mal in Deiner Umgebung etwas passiert und keiner ruft Dich an, dann ruf Du an oder gehe gleich in die Redaktion und biete Deine Arbeit an.

Oder tauche einfach mal am Samstagmorgen in der Redaktion auf und frage, ob Du als Rechercheur beim für die meisten BILD-Redakteure lästigen BamS-Dienst mitarbeiten kannst.

Ein sehr gutes Vorbild könnte für Dich der 31-jährige BILD-Chefreporter Julian Reichelt sein...
Iris68 ist offline   Mit Zitat antworten
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